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Werner Wölfle

 Werner Wölfle

1. Was halten Sie für die vordringlichsten sozialen Aufgaben in der Stadt?

  • Die Chancen und Risiken des demographischen Wandels in den kommenden Jahren zu sehen und zu nutzen, ist – vor allem in einer Großstadt wie Stuttgart – für mich eine der größten Herausforderungen in einer älter werdenden Gesellschaft.
  • Bildungschancen und die darauf aufbauenden beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten für alle Kinder zu verbessern, unabhängig vom finanziellen Hintergrund und Bildungsstatus der Eltern, ist eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre. Diese Aufgabe beginnt bereits vor dem Kindergarten.
  • Die Integration unserer Stuttgarterinnen und Stuttgarter mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen – Eltern, Kinder und Jugendliche, aber auch alte Menschen – weiter zu fördern, sie als Aufgabe und als Bereicherung zu begreifen, ist mir schon auf Grund meiner eigenen beruflichen Biographie eine Herzensangelegenheit.
  • Ich möchte dazu beitragen, den Blick dafür zu schärfen, welchen Einfluss eine ganzheitliche Stadtgestaltung auf das soziale Miteinander hat, und wie dadurch auch präventiv Kosten gespart werden können.

2. Stuttgart steht vergleichsweise gut da, wenn es um die Kinderbetreuung geht. Trotzdem fehlen über 3000 Betreuungsplätze für Kleinkinder (ab 0 Jahren) und trotzdem kann der Bedarf an Hortplätzen bei weitem nicht gedeckt werden. Welches Konzept haben Sie für die Kinderbetreuung?
Die Versäumnisse vergangener Jahrzehnte lassen sich nicht in wenigen Jahren aufholen. Es ist noch nicht lange her, dass durch die Mehrheit im Gemeinderat das Credo gebetet wurde, ein sog. Regelkindergarten mit Öffnungszeiten morgens und wenn nötig nachmittags sei völlig ausreichend als Kinderbetreuung. Das hat sich endlich geändert, auch dank vieler Eltern, die laut und energisch nach einem Mehr in Quantität und Qualität in der Betreuung rufen und in der Vergangenheit gerufen haben.
Trotz millionenschwerer Investitionen wird es noch viele Jahre dauern, bis wir annähernd erreicht haben, dass Kinder und Eltern einen Betreuungsplatz finden, der ihren Anforderungen entspricht. Die Geldnot der Kommunen auch der Stadt Stuttgart, durch die Beschlüsse von Bund und Land erhöht, wird diesen Weg noch verlängern. Deshalb gilt es beim Ausbau von Ganztagesschulen gleichzeitig ein qualitativ ordentliches und zeitlich ausreichendes Angebot der Betreuung auch in den Ferien vorzusehen. Dadurch lassen sich als Nebeneffekt Plätze im Kleinkindbereich schaffen. Zur Angebotsverbesserung zählen zwingend auch qualifizierte Tagesmütter und sog. Pflegenester.

3. Welches Konzept haben Sie für die sozialmedizinischen Aufgaben des Gesundheitsamts? Wie wollen Sie die Prävention stärken?
Prävention ist eine gesamtheitliche Aufgabe aller Ämter im Sozialreferat aber ebenso muss Prävention bei der Stadtplanung, bei der Wohnungspolitik, bei der Gestaltung von Spielplätzen und bei Verkehrsfragen usw. mitgedacht und gemacht werden. Die in den Ressourcen des Gesundheitsamts liegenden Chancen, können durch interdisziplinäre Teams, sowie amts- wie referatsübergreifendes Denken und Handeln noch deutlicher herausgearbeitet und genutzt werden. Neben den gesetzlichen Aufgaben, die das Gesundheitsamt wahr nimmt, setze ich große Hoffnungen auf ein gutes Zusammenwirken bei der Aufgabe Mütter und Väter, die frühe Hilfen bei der Erziehung ihrer Kinder benötigen, zu erreichen und zu unterstützen.
Um manche Aufgaben der Prävention wie in der Suchthilfe ist es trotz steigender Missbrauchsproblematik eher still geworden. Die Zahl psychischer Erkrankungen auch von sehr jungen Menschen steigt kontinuierlich.
 

4. Welches Konzept verfolgen Sie bei der Armutsprävention/ Armutsbekämpfung in der Stadt?
Armut ist vererbbar und wer arm ist, stirbt früher. Zwei inzwischen von fast niemandem mehr bestrittene Aussagen. Also gilt es die „Vererbungskette“ durch frühzeitige Unterstützung zu durchbrechen. Das schafft das „Sozialreferat“ nicht alleine. Weniger prekäre Einkommensverhältnisse und weniger prekäre Wohnverhältnisse wären neben sozialer Hilfestellungen gute Stemmeisen gegen diese „Kette“. Je sozial und wirtschaftlich durchmischter unsere Stadtquartiere sind, desto wirkungsvoller wirken auch nachbarschaftliche Unterstützungen.
Wir investieren in Stuttgart gerade viele Millionen in unser städtisches Klinikum, trotzdem ist die Zwei – Klassen - Gesellschaft in der Gesundheitsfürsorge längst Wirklichkeit. Sie lässt sich leider weder dadurch noch durch kommunale Leistungen stoppen, dazu brauchen wir anderen Mehrheitsverhältnisse im Bund.
 

5. Das Netz der sozialen Daseinsfürsorge ist vergleichsweise gut organisiert. Trotzdem reichen die Angebote für einzelne Gruppen z.B. wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Frauen nicht aus. Es mangelt insgesamt besonders an Wohnraum für besondere Bedarfsgruppen. Wie wollen Sie diesem Problem begegnen? Welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie?
Das Netz sozialer Daseinsvorsorge kann sich in Stuttgart in der Tat sehen lassen. Das Netz ist nicht überall gleich gut gewoben. Es hat an manchen Stellen Löcher und ist an anderen doppelt gewoben. Bezahlbarer, sicherer Wohnraum ist wesentlich für die Existenzsicherung. Mit den ansässigen Wohnbauunternehmen sozialverträgliche Vorhaben zu entwickeln und zu realisieren und zusammen mit den Wohnbauunternehmen die Anstrengungen zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit zu verstärken können Ansätze zur Bekämpfung dieses Loches im sozialen Fürsorgenetz sein.
 

6. Wie stellen Sie sich die Kooperation zwischen den Trägern der freien Wohlfahrtspflege und der Kommune vor?
Gut.
Ich kenne alle Seiten der Zusammenarbeit. Die Sicht der Träger, als langjähriger leitender Mitarbeiter des Caritasverbandes, und die Sicht der Kommune durch langjährige leitende Funktion der inzwischen größten Fraktion im Gemeinderat. Beide Seiten sind aufeinander angewiesen. Die Stadt muss die Wahrnehmung der Aufgaben durch die freie Wohlfahrtspflege fördern und in ihrer Wirkung aber auch messen. Sie muss zwischen ihrer planerischen Aufgabe und ihrer eigenen Trägerfunktion sauber unterscheiden.

 

7. Wie werden Sie auf die steigenden Bedarfe im Sozialbereich antworten?
Die Herausforderungen in einer sich immer weiter aufspaltenden Gesellschaft in Arm und Reich werden zunehmen. Ein starkes durchsetzungsfähiges Sozialreferat muss versuchen die Klammern, die unsere Gesellschaft zusammenhält zu stärken. Das geht manchmal mit Geld und es geht manchmal mit unterstützendem nachbarschaftlichem bürgerlichem Engagement. In den letzten Haushaltsberatungen ist es, auch durch mein eigenes Engagement, gelungen so viel Mittel im Sozialbereich zusätzlich zu verbuchen wie schon lange nicht mehr. Das wird jedoch angesichts der Verschuldung der öffentlichen Hand und der drohenden weiteren Plünderung der Kassen der Kommunen durch interessierte Kreise in Berlin, immer schwieriger. Die kommunalen Mittel müssen daher noch zielgenauer und differenzierter eingesetzt werden. Ein Beispiel aus dem Kinderbetreuungsbereich: KITAS mit besonders vielen Bounscardempfängern müssen besser ausgestattet werden. Und das Zusammenspiel der freien Träger mit der Kommune lässt sich effektivieren.
 

8. Welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft, bürgerliches, ehrenamtliches Engagement bei der sozialen Sicherung?
Sie spielt eine große Rolle.
Um diese große Rolle spielen und die gesellschaftliche Klammer sein zu können, braucht es eine breite sog. Mittelschicht, die sich in ehrenamtlichen Strukturen engagiert – trotz der diffusen Angst vor gesellschaftlichem Absturz.
Dieses bürgerschaftliche Engagement wird jedoch scheitern, wenn wir versuchen es als Ersatz für öffentliche Unterstützungsleistungen einzusetzen. Ehrenamt ist immer dann unersetzbar, wenn es durch handwerklich Ausgebildete gefördert wird.

 

9. Wie kann das Miteinander der verschiedenen Kulturen und der verschiedenen Generationen in der Stadt verbessert werden?
Das ist ein weites Feld und betrifft alle gesellschaftlichen Fragen einer Stadtgesellschaft. Ein gelingendes Miteinander geht leichter, wenn man sich kennt. Das heißt, es gilt Begegnungsstrukturen zu fördern und Monostrukturen zu vermeiden. Das heißt auch, bei Förderkriterien z.B. darauf zu achten, dass sich in den sozialen Diensten der Querschnitt der Bevölkerung widerspiegelt.
 

10. Welche Qualifikationen bringen Sie mit, die für Ihre neue Aufgabe in Stuttgart nützlich sind?
Den Beweis die Qualifikation zu haben, würde ich gerne antreten. Ich habe als Leiter der Caritas Jugend- und Familienhilfe immerhin Verantwortung für über 100 pädagogische MitarbeiterInnen gehabt. Und was mindestens ebenso herausfordernd war, als Fraktionsvorsitzender 12 Jahre lang sichergestellt, dass die Fraktion als Einheit nach Außen wahrgenommen werden konnte. Auch ein Bürgermeister ist auf ein gutes Team angewiesen und er muss mit seinen Kolleginnen und Kollegen auf der Bürgermeisterbank als Teamspieler agieren. Gerade ein Sozialbürgermeister braucht das Verständnis für soziale Belange in anderen Referaten und muss diese auch seinen Kollegen überzeugend vermitteln können. Was im Städtebau falsch gemacht wird, kann das Soziale oft nicht mehr reparieren. Ich weiß, wo ich herkomme und warum ich mich seit Beginn meiner beruflichen Orientierung für die Unterstützung der Menschen einsetze, die nicht so viel Glück und Mitbringsel mitbekommen haben wie ich. Ich bin streitbar für die Sache, aber nicht streitsüchtig und durchsetzungsfähig, aber nicht auf Kosten anderer.


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